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Eine Brücke zur Schule

Sind die Bildungs- und Lerngeschichten eine Brücke zur Schule?

Über den Umgang mit Dokumentationen im Übergangsprozess

Die Autorin beschäftigt sich seit Jahren mit den Selbstbildungsprozessen von Kindern. Im kürzlich abgelaufenen Projekt „Bildungs- und Lerngeschichten“ des Deutschen Jugendinstituts hat sie sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob solche Dokumentationen ein Medium für den Austausch der Erwachsenen im Übergang des Kindes vom Kindergarten in die Schule sein können und welchen Einfluss sie auf die Zusammenarbeit der Institutionen haben.

Brücken sind wichtig. Von der Familie zum Kindergarten, vom Kindergarten zum Umfeld und weiter zur Schule. Wir Pädagogen sind nicht als Brückenbauer ausgebildet, aber wir sehen die Notwendigkeit von tragfähigen, stabilen Übergängen immer deutlicher. Gut vorbereitete und begleitete Übergänge fördern eine sichere Einbindung. Ein optimales Entwicklungsmilieu, das Lernen und Erfahrung zulässt, ist dann gegeben, wenn Menschen sich sicher fühlen in ihrer Umgebung und Beziehungen aufbauen können. Aus diesem Wissen heraus sind wir Mitarbeiterinnen unseres Naturkindergartens zusammen mit den Familien unserer Kinder und der Schule kontinuierlich mit dem Aufbau einer tragfähigen Kooperation beschäftigt. Eine wichtige Brücke von uns zu den Familien sind die Bildungs- und Lerngeschichten und die Entwicklungsordner für jedes Kind, in denen die Lerngeschichten unter anderem gesammelt werden.

Im Rahmen unserer Qualitätsentwicklung beschäftigen wir uns seit vier Jahren mit dem Thema „Selbstbildungsprozesse von Kindern“. Hierzu beobachten und dokumentieren wir die kindlichen Entwicklungswege. Um ihre Bildungsprozesse begleiten und fördern zu können und ihr Lernen besser zu verstehen, beobachten wir das Tun der Kinder nach einem aus Neuseeland stammenden Verfahren, den Bildungs- und Lerngeschichten. Das Deutsche Jugendinstitut hat dieses Verfahren in Deutschland erprobt und wir sind über unsere Fachberaterin in dieses Projekt eingebunden.

Kinder sind an Dokumentation beteiligt

Die Philosophie der Bildungs- und Lerngeschichten liegt für uns darin, dass Kinder an der Dokumentation ihrer Lernschritte aktiv beteiligt sind. Sie geben ihr Einverständnis zur Beobachtung, die wertschätzend und mit Achtung vor ihrem Tun stattfindet. Aus mehreren kurzen Beobachtungssequenzen erarbeiten wir uns durch strukturierte Fragestellungen das Thema des Kindes, seine Lern- Wege und Lernstrategien. Im Dialog mit dem Kind, den Kolleginnen und manchmal auch mit den Eltern schreiben wir daraus Lerngeschichten und sammeln sie zusammen mit dem Kind in den Entwicklungsordnern. Wir schreiben die Lerngeschichten in Briefform. Durch die Beschreibung der Tätigkeiten werden Interessen und Talente deutlich. Wir schreiben auch auf, wie sich ein Kind einbringt oder wie es Schwierigkeiten und Probleme bewältigt. Unsere Fragen oder Gedanken fließen ein und wir schlagen mögliche weitere Schritte vor. Beim Vorlesen dieser Geschichten entsteht ein Austausch mit dem Kind, der ihm die Möglichkeit gibt, wichtige Dinge zu ergänzen oder zu verändern. Die Kinder sind sehr stolz auf ihre Geschichten und viele lassen sie sich oft vorlesen. Es ist ihnen sehr wichtig, dass sie mit ihrem Tun gesehen und beachtet werden, und sie treten gern in Austausch mit uns.

So verstanden bereichern und vertiefen unsere Lerngeschichten den Kontakt zum Kind und zur Familie. Die Eltern erfahren etwas von den Interessen, Kompetenzen undTalenten ihres Kindes. Auch bei „Problemkindern“ erleben die Eltern das Kind im positiven Kontext und Gefühle wie Stolz, Rührung und Liebe kommen auf. Sie sind eher bereit zur Zusammenarbeit, um den Schwierigkeiten der Kinder gemeinsam zu begegnen.

Unsere Teamarbeit und unsere Planung haben sich positiv verändert durch die Auseinandersetzung über das Kind und den Dialog. Der Prozess von wahrnehmen - erkennen - sich einlassen - dokumentieren - wieder anschauen - darüber sprechen - erscheint sehr aufwändig, bietet aber große Chancen für die Begleitung von Kindern.

Lerngeschichten sind Eigentum der Kinder

Im Hinblick auf einen guten Übergang in die Schule stellten wir uns die Frage: „Sind Lerngeschichten und die Entwicklungsordner nicht bestens zur Weitergabe an die Schule geeignet?“ Argumente hierfür wären: Lehrerinnen und Lehrer könnten sich durch die Entwicklungsdokumentation besser auf die Kinder vorbereiten und sie mit ihren Interessen, Stärken, Kompetenzen und Besonderheiten sehen. Sie könnten von diesem Wissen profitieren und darauf inhaltlich aufbauen. Dies alles wäre möglich und auch günstig für einen gelingenden Übergang - und trotzdem geben wir keine Lerngeschichten oder Entwicklungsordner an die Schule weiter. Wir geben sie nicht weiter, weil sie aus unserer Sicht das Eigentum der Kinder sind. Sie sind in einem Kommunikationsprozess und in einem gemeinsamen Lebenszusammenhang entstanden und nur das Kind kann entscheiden, was es in die neue Welt „Schule“ einbringen will und wie viel es von sich preisgeben möchte.

Im Kindergarten geben wir den Kindern die Möglichkeit zur Beteiligung und Entscheidung. Sie sollen sich einmischen und Verantwortung für sich und die Gruppe übernehmen. So lernen sie, fur sich einzustehen und sich darzustellen. Wir hoffen, dass sie diese Fähigkeiten in der Schule wie auch im weiteren Leben anwenden und ausbauen können. Möglicherweise verwenden sie die Lerngeschichten als Brücke oder sie bringen sich selbst als aktiv handelndes Wesen ein und zeigen ihre Kompetenzen. Wir gehen davon aus, dass die Kinder sich über die Lerngeschichten besser kennen gelernthaben, und das ist der wesentliche Aspekt für ihre Entwicklung.

Auswirkungen gibt es dennoch

Unsere Kooperation mit der Schule hat eine lange Tradition und weist eine hohe Qualität auf. Sie gestaltet sich durch unseren Austausch und unsere Ansprüche und ist nicht statisch zu sehen. Viele Lehrerinnen unserer Schule haben großes Interesse an dem Beobachtungsverfahren und würden gern mehr darüber erfahren. Leider haben wir kein zusätzliches Stundenkontingent für Kooperationsarbeit zur Verfügung. Unsere Treffen finden zusätzlich zu unserer sonstigen Arbeit statt und so war bisher kein Raum für den Austausch über die Bildungsund Lerngeschichten vorhanden. Wir hoffen aber für die Zukunft, Wege für die Umsetzung zu finden.

Bildungs- und Lerngeschichten haben dennoch einen Einfluss auf die Zusammenarbeit mit der Schule. Denn unser eigener Entwicklungsweg und unser durch die Lerngeschichten verändertes pädagogisches Handeln fließt in die Zusammenarbeit mit Familien und Schule ein. Das umfassende Bild vom Kind und ein differenziertes Wissen über seine Interessen, seine Umsetzung und seine Lernwege nehmen wir mit in die Gespräche mit Lehreriinnen und Eltern. Gespräche zusammen mit der Schule finden aus den bereits erwähnten Zeitgründen nur bei Grenz- und Problemfällen statt, aber gerade hier ist Vernetzung notwendig. Es betrifft das Auswählen der Kinder für den Sprachförderunterricht oder den Austausch über das Verhalten einzelner Kinder bei den Besuchen in der Schule. Es geht gemeinsam mit den Eltern um das Abwägen einer früheren Einschulung, um den richtigen Zeitpunkt für das Kind.

Auch eine Schulbegleitung für ein Kind, das sich nicht allein steuern und konzentrieren kann, aber mit Unterstützung durchaus lernfähig ist, konnten wir schon vor dem Schuleintritt gemeinsam durchsetzen. Es hat sich bestätigt, dass dieser Weg fur das Kind nötig war und es hierdurch positive Lernschritte macht.

Wir geben der Schulleiterin Tipps für Klassenzusammensetzungen. Welche Bedingungen einzelne Kinder brauchen, wer viel „Futter“ und Herausforderungen benötigt oder wer besser mit viel Freiraum oder wer durch feste Strukturen Lernen kann. Wenn es möglich ist, wird die Klassenzusammensetzung bzw. die Lehrerinnenzuordnung danach ausgerichtet. So übernahm zum Beispiel eine Lehrerin mit sehr viel Einfühlungsvermögen und Geschick im Umgang mit sehr jungen Kindern unser jüngstes, funfeinviertel Jahre altes Kann-Kind und ein weiteres sehr junges Kind aus einem anderen Kindergarten.

Jedes Jahr nach den Herbstferien treffen wir uns mit den Lehrerinnen der ersten Klassen zu der Fragestellung, wie die Kinder angekommen sind. Im persönlichen Gespräch bekommen wir Rückmeldung über das einzelne Kind, sein Sozial- und Lernverhalten. Wir können darüber unsere Einschätzung überprüfen und erfahren etwas darüber, wie sich das Kind in der neuen Umgebung einbringen kann.

Die wichtigste Grundlage für einen gelungenen Übergang zur Schule ist der Kontakt der Pädagoginnen beider Einrichtungen und der Austausch über ihre Arbeit, ihre Fragen und Probleme. Das Bild vom Kind, die Annahme von ihrem Lernen und ihren Lernwegen sollten besprochen werden, um einen positiven Übergang zu schaffen. Nicht die Angleichung der Konzeptionen ist vorrangig wichtig (oder möglich), sondern das Wissen, wie die Partner arbeiten.
Unsere Arbeit mit den Bildungs- und Lerngeschichten erfordert nicht zwingend die Weiterführung in der Schule. Per Gesetz ist aber seit letztem Jahr vorgesehen, dass die Schule die individuelle Lernentwicklung der Kinder dokumentieren soll. Es wäre sehr spannend, wenn Lehrerinnen und Lehrer dies mithilfe von Bildungs- und Lerngeschichten umsetzen würden.

Gisela Brill ist Heilpädagogin, arbeitete bei ihrem Träger Kinderhaus e.V vierzehn Jahre mit Kleinstkindern und leitet seit sieben Jahren den von ihr mit aufgebauten Naturkindergarten Ulmenstraße in Rosdorf bei Göttingen.
Der Artikel von Gisela erschien in der Mai-Ausgabe 2007 der Zeitschrift TPS.

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