Blatt

Grundlagen unserer Arbeit

Zur Pädagogik in den Kindertagesstätten des Kinderhaus e.V.

Der Verein Kinderhaus e.V. besteht seit mehr als 30 Jahren, genauer: seit dem 24.06.1981. Er ist seit 1989 anerkannter Freier Träger der Jugendhilfe. In der Stadt Göttingen und der Gemeinde Rosdorf besuchen z.Z. (Herbst 2012) rund 650 Kinder vom Baby- bis zum Schulkindalter 30 Tageseinrichtungen des Kinderhaus e.V. mit unterschiedlichen Schwerpunkten:

  • Kleinkindgruppen (Krippen) für Kinder zwischen 1 und 3 Jahren
  • Kindertagesstätten für Kinder zwischen 1 und 6 Jahren
  • Altersübergreifende Kindertagesstätten für Kinder zwischen 4 Monaten und 6 Jahren
  • Integrative Krippen und Kindertagesstätten
  • Schulkindgruppen (Horte) für Kinder zwischen 6 und 10 Jahren

Die Aufgaben von Kindertagesstätten umfassen die Erziehung, Bildung und Betreuung von Kindern. Die gesetzliche Grundlage für diesen Auftrag bilden das bundesweit geltende Kinder- und Jugendhilfegesetz (KJHG) und das Niedersächsische Gesetz über Tageseinrichtungen für Kinder (KiTaG). Jeder Träger verpflichtet sich, die Erfüllung dieses Auftrages sicher zu stellen.

Seit Januar 2005 gibt es den "Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder", der sich als Rahmen und Empfehlung für die Erarbeitung von Konzeptionen in Kindertageseinrichtungen begreift. Seit 2012 gibt es diesen Orientierungsplan auch für Kindertageseinrichtungen für Kinder unter drei Jahren.

Seit Ende der 90ziger Jahre stehen Kindertagesstätten verstärkt im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Woher rührt dieses Interesse?

Die PISA-Studien haben die Schwächen des deutschen Schulsystems offenbart, Fragen nach dessen Qualität provoziert und viele, zum Teil sehr emotional geführte, Debatten ausgelöst. Ein Resultat dieser Diskussionen ist die Erkenntnis, dass Bildung mit der Geburt beginnt, ein Leben andauert und dass Kindertagesstätten die erste Bildungseinrichtung sind, die Kinder besuchen. Wie sollen nun Kindertagesstätten gestaltet sein, damit Kinder ihren Hunger nach Bildung, Aktivität und Leben dort möglichst optimal stillen können?

Kindertagestätten sind keine Inseln, sondern Institutionen, die zu einem Stadtteil, einem Einzugsgebiet, einer Gemeinde gehören, dessen individuelle Besonderheiten sie berücksichtigen müssen. Der demografische Wandel der Gesellschaft verschärft zudem den Konkurrenzdruck in der Trägerlandschaft. Kindertagesstätten sind stärker als früher gefordert ein qualitätsvolles Profil für ihre Arbeit zu entwickeln und auf veränderte Bedarfsituationen und Lebensentwürfe von Familien zu reagieren.

Die Dynamik, in der sich die Welt wandelt, ist enorm. Sie birgt für den Einzelnen Chancen sich zu verwirklichen, aber auch Risiken zu scheitern. In welcher Weise können wir kleine Kinder darin unterstützen sich neuen Anforderungen und Situationen so zu widmen, dass sie sinnvolle Lernerfahrungen sammeln? Welche Möglichkeiten der aktiven Teilhabe haben Kinder in ihrer Kindertagesstätte? Welche Fähigkeiten, Fertigkeiten und Strategien brauchen sie um ihr individuelles Repertoire erweitern zu können?

Die Fachdiskussionen um Bildung und Erziehung in früher Kindheit suchen nach Antworten für eine Neuorientierung der Pädagogik, die das Kind in den Mittelpunkt ihres Interesses stellt. Die Ergebnisse einer Reihe von Forschungsprojekten zum Thema haben neue Impulse für die pädagogische Arbeit gegeben und ihr Selbstverständnis sehr beeinflusst.

Das heißt, dass sich auch das Berufsbild der Erzieherin dramatisch wandelt und der Beruf im Zuge der Bildungsdiskussion eine Fülle neuer Anforderungen erfährt: Begleitung kindlicher Bildungsprozesse, Beobachtung, Dokumentation, Dialog als besondere Art der Kommunikation, Partizipation, fachliche Einschätzung und Interpretation, Gestaltung von Räumen, abwechslungsreiche Materialangebote und interessante Lernanregungen gelten heute als Instrumente professionellen Handelns und erfordern eine veränderte Haltung Kindern gegenüber.

Bildung und Erziehung

Alle Kinder haben ein Recht auf Bildung von Anfang an! Nie wieder lernen sie so VIEL und so SCHNELL wie in ihren ersten Lebensjahren!

Menschen werden mit einer hohen Motivation zum Lernen geboren. Kinder lernen um die Welt immer besser verstehen zu können, sammeln dabei Wissen und Kenntnisse und erwerben viele Fähigkeiten. Sie lernen aktiv, neugierig, systematisch, konzentriert und in ihrem eigenen Tempo - voller Bewegungsfreude und mit allen Sinnen! Ein "Greifen" ist immer ein "Begreifen". Die Qualität dieser Erfahrungen hat direkten Einfluss auf die Gehirntätigkeit. Um zu reifen, braucht das Gehirn ein Spektrum von Wahrnehmungsangeboten und Herausforderungen zur rechten Zeit - diese zu meistern, bedeutet Wachsrum und Entwicklung.

Dabei deuten Kinder die Welt mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie haben eine eigene Kultur des Sehens, Fühlens und Denkens, die es zu respektieren gilt.

Jeder Bildungsprozess ist einzigartig!

Von Beginn an sind Kinder soziale Wesen und bereit mit anderen Menschen in Dialog zu treten. Sie kommunizieren mit den Menschen, die sie umgeben und hantieren mit Dingen und Material, die ihnen zur Verfügung stehen. Sie sind auf soziale und emotionale Beziehungen angewiesen. Auf der Grundlage einer sicheren Bindung zu vertrauten und geliebten Erwachsenen, streben Kinder danach ihre Potentiale voll auszuschöpfen und ihren Erfahrungsschatz zu erweitern. Dabei haben sie "hundert Sprachen" (Reggio Pädagogik), also vielfältigste Formen des Ausdrucks und der Verständigung. Mit ihnen entwerfen Kinder Annahmen, Ideen und Phantasien über die Beschaffenheit der Welt und ihrer Beziehung zu ihr, überprüfen diese beständig und entwickeln sie weiter.

Bildung - so verstanden - ist grundsätzlich eine eigene Leistung des Kindes und als solche anzuerkennen.
Erziehung als Aktivität von Erwachsenen bedeutet die Selbstbildungsprozesse von Kindern so zu unterstützen, dass sie gelingen.

Diese zeichnet sich dadurch aus, dass die Kommunikation im Sinne eines Dialoges gestaltet ist, der auf Aufmerksamkeit und Achtsamkeit beruht. Dazu gehört als professionelle Aufgabe, Themen und Interessen von Kindern zu sichten, zu erkennen, wahrzunehmen, sich darauf einzulassen und Kindern auch Themen zuzumuten, die ihren Forscher- und Entwicklungsdrang weiter fördern. Im Idealfall ist die Kindertagesstätte dann eine "lernende Gemeinschaft", in der sich alle Beteiligten auf die Suche nach Erkenntnissen begeben, gemeinsam neue spannende Erfahrungen sammeln und Kinder Partizipationsrechte haben ihre Kindertagesstätte mitzugestalten.
Eine "lernende Gemeinschaft" braucht eine positive emotionale Grundstimmung: Gefühle von Geborgenheit, Sicherheit, Schutz, Vertrauen und Wohlbefinden gehören dazu. Jedes Kind der Kindergruppe braucht daher eine qualitätsvolle Bindungsbeziehung zur Erzieherin, die auf einer behutsamen und individuellen Eingewöhnung aufbaut. Ihre Aufgabe ist es diese in Zusammenarbeit mit den Eltern so zu gestalten, dass eine gegenseitige Vertrauensbasis entsteht. Diese hilft Kindern sich zu integrieren und neugierig und offen zu sein auf das Leben in der Gruppe.

Wenn Kinder sich selbst bilden, geschieht dies in Kooperation mit anderen Kindern. Diese Zusammenarbeit unter Kindern wird auch als Ko-Konstruktion bezeichnet. Hier gilt es Kindern Freiräume und freie Zeit zur Verfügung zu stellen, damit sie ihre Vorstellungen in Aktivitäten mit Anderen umsetzen können. Erzieherinnen können hier Impulse geben, eigene Ideen anbieten oder für Unterstützung sorgen.
In diesem Zusammenhang ist die Gestaltung der Räume und das Angebot von Materialien in der Kindertagestätte von Bedeutung. Räume gelten als "dritte Erzieherin". Laden sie Kinder ein zu forschen, zu experimentieren, Neues zu erkunden, bieten sie Rückzugsräume, sind sie veränderbar, fordern sie zur Zusammenarbeit auf, finden Kinder dort interessante Materialien vor? - das sind einige Fragen, die regelmäßig zu reflektieren sind und einige Herausforderungen, denen sich Erzieherinnen in der Praxis stellen.

Qualitätsentwicklung

Der Kinderhaus e. V. hat im April 2003 mit der Methode IQUE (integrierte Qualitäts- und Personalentwicklung) einen Prozess der Qualitätsentwicklung gestartet, um sein pädagogisches Selbstverständnis für die Konzeptionen der Kindertagesstätten und deren Praxis zu entwerfen. Mit der Qualitätsentwicklung antwortet der Träger auf die fachliche Diskussion um Bildung und Erziehung in früher Kindheit und beteiligt sich an ihr. Dabei fragen wir uns, wie sich der Bildungsauftrag unter qualitativen Gesichtspunkten beschreiben, weiterentwickeln und sichern lässt.
Die Thematik, mit der sich alle pädagogischen Fachkräfte auseinandersetzen heißt: "Bildungsprozesse von Kindern - Begleitung und Förderung in Einrichtungen des Kinderhaus e.V.".

ErzieherInnen, Leiterinnen, Eltern und Trägervertreter haben wesentliche Kernaussagen (Leitsätze) dazu formuliert und inhaltliche Merkmale, die dazu gehören. Diese betreffen die "Zusammenarbeit mit Familien, das pädagogische Handeln, Bindungsbeziehungen und fachliche Auseinandersetzung".

Jedes Team entwickelt zu Leitsätzen und ihren inhaltlichen Merkmalen pädagogische Handlungsziele, die mit dem Träger verbindlich vereinbart werden.

So entsteht ein "Qualitätsregelkreis":

  • Bestandsaufnahme: was tun wir wie?
  • Ziele formulieren: was wollen wir erreichen?
  • Maßnahmen umsetzen: was müssen wir konkret für das Ziel tun?
  • Überprüfung: haben wir unser Ziel erreicht?

Die Überprüfung kann ergeben, dass ein Team sein pädagogisches Handlungsziel noch einmal vertieft, ein ergänzendes oder ein neues mit dem Träger vereinbart. Der Sinn dieser systematischen Qualitätsentwicklung liegt darin, "nachhaltige" Veränderungen in der pädagogischen Praxis zu bewirken mit dem Ziel Kinder so optimal wie möglich in ihren Bildungsbemühungen zu unterstützen und zu fördern.

Die Methode IQUE hat sich beim Träger Kinderhaus e.V. etabliert. Über Fachberatung, Fort- und Weiterbildungen, unterschiedliche themenspezifische Arbeitsgemeinschaften und die Möglichkeit zur Supervision haben die pädagogischen Fachkräfte unterstützende Angebote für ihre professionelle Arbeit.

Die Konzeptionen der Kindertagesstätten des Kinderhaus e.V. basieren auf den Gesetzestexten, auf wesentlichen Inhalten des Orientierungsplans und der "konstruktivistischen" Sicht einer Pädagogik, die davon ausgeht, dass Kinder sich selbst bilden.

Sie setzen jeweils individuelle Akzente, da sich die Kindertagesstätten jeweils in ihrer Größe, der Art der Räumlichkeiten, im Einzugsgebiet und in der Altersstruktur der Kindergruppen voneinander unterscheiden.
Die Konzeptionen spiegeln Theorie und Praxis einer bestimmten Zeit wieder - auch sie werden sich wandeln und immer wieder neu überarbeitet, denn "Am Anfang jeder Eroberung steht nicht das abstrakte Wissen - das kommt normalerweise in dem Maße, wie es im Leben gebraucht wird - sondern die Erfahrung, die Übung und die Arbeit". (Celestine Freinet)